Erfahrungs- Ergebnis- Erlebnisbericht über die Schuhaktion „Kinderschuhe für Exil-Tibeter“ in Dharamsala (Nordindien)

 

Vorausschickend an Alle auf die ein oder andere Art Beteiligten Personen, möchte ich mich von Herzen für das Engagement und die Unterstützung bedanken, die ich im Laufe dieser – zugegebenermassen zeitweilig etwas konfusen Aktion – erfahren habe. Mein besonderer Dank gilt meinem Mann für seinen unermüdlichen Einsatz, vor allem nach meinem Abflug. Ebenfalls möchte ich der Lufthansa Cargo danken, die uns diesen Transport unentgeltlich erst möglich gemacht hat.

Bei der Vorbesprechung zu dieser Reise wurde von Wilfried Pfeffer (dem Veranstalter und Leiter der Reise) am Rande erwähnt, dass es gut wäre, wenn wir ein paar Kinderschuhe auftreiben könnten, die wir als Spende dorthin mitbringen würden. Da ich persönlich über keine Kinderschuhe verfüge stellte ich sozusagen eine Frage an meine Umwelt, Die darauf folgende Antwort war überwältigend! 3 Wochen später hatten wir über 300 kg !!! Kinderschuhe in unserem Wohnzimmer gestapelt. Die meisten davon in einem Superzustand – oder neu. Zusätzlich wurden noch ca. 100 kg Erwachsenenschuhe (ab Gr. 38) abgegeben.  Diese Schuhe stellten uns vor grosse logistische Fragezeichen. Etwas das als harmlose Frage in die Welt geschickt wurde hatte sich verselbstständigt. Nichtsdestotrotz gelang es 250 kg Kinderschuhe transportfertig zu machen, zu sortieren, aufzulisten, mit jeweils einem Glöckchen und roten und gelben Seidenbändchen zu versehen. All diese Last lag zu 90% auf den Schultern meines Mannes Stefan, denn ich war zu diesem Zeitpunkt bereits in Indien.

Am 21.10.2004 fuhr er mit voll gepacktem Auto nach Frankfurt und lieferte die Fracht bei Lufthansa Cargo ein. Vorher musste er noch unzählige Stellen aufsuchen um Ursprungszeugnis, Zollpapiere, Unbedenklichkeitsbescheinigung etc. zu bekommen. Am 23.10. morgens landeten die Schuhe planmässig in Delhi und sollten dort am 25.10. abgeholt werden. Irgendetwas lief jedoch nicht ganz so planmässig, so wurden die Schuhe erst am 27.10.2004 durch ein tibetisches Reisebüro dort abgeholt.

 

 

1. Kostenpunkt (Depositgebühr). Dann erhob der indische Zoll Einwände, es wäre Neuware und zum Wiederverkauf gedacht. Säcke wurden geöffnet, aber selbst die in Augenscheinnahme der definitiv verschmutzten und getragenen Schuhe konnte die indischen Behörden nicht von ihrem Vorhaben, astronomisch hohe Einfuhrzölle zu erheben, abbringen. Das hier in Deutschland ausgestellte Papier von Brot für die Welt interessierte die indischen Beamten nicht. Potala Tours (das tibetische Reisebüro) musste eine in Indien ansässige Entwicklungshilfeorganisation engagieren, die zum Flughafen fuhr und bestätigte, dass es sich um getragene Schuhe handelt, die eine Spende für Kinder sind.

2. Kostenpunkt: Diese Organisation hat sich ihren Einsatz mit 100,-€ bezahlen lassen. Nun mussten die Schuhe, immerhin 5 grosse Säcke à 50 kg zur Office von Potala Tours transportiert werden.

3. Kostenpunkt: Weitere 40,- € nahmen den Weg alles irdischen. Dann hatten wir von Dharamsala aus ein Taxi organisiert, dass zuvor Touristen zum Airport Delhi gebracht hatte, die Schuhe auf dem Rückweg nach Dharamsala zurückzubringen.

4. Kostenpunkt: Dieser Rücktransport kostete weitere 70 ,- €, da der Fahrer bereits auf dieses Taxi gebuchte Kunden absagen musste. Nun mussten die Schuhe in Indien 3 Bundesstaaten passieren, Taxis sind jedoch nur für den Transport von Passagieren und deren Gepäck lizenziert, nicht jedoch für Fracht.

5. Kostenpunkt: Und zwar Bakshish an jeder Provinzgrenze. Wieder insgesamt 60,-€ gone with the wind.

Endlich erreichten die Schuhe am morgen des 28.10.2004 die TSE-CHOK-LING monastery in Dharamsala. Bei der Überprüfung der Packliste stellte sich heraus, dass ein Sack mit den Grossen Schuhen, die für die Mönche und Nonnen bestimmt waren verschwunden war. 150 kg Schuhe brachte ich dann am folgenden Tag nach Bir in das dortige TCV, eine Art Kinderdorf, in dem ca. 2800 Kinder leben. Ich hatte auch die Gelegenheit vor ort eine Führung zu bekommen, konnte einige Häuser besichtigen und mit einigen Hausmüttern sprechen.(Das ist jedoch ein anderes Kapitel). Wir setzten unsere Fahrt nach Rewalsar (einem entlegenen Ort ) fort und ich kontaktierte dort eine mir bereits bekannte und vertrauenswürdige Frau. Yangchen Dolkar, Kindergärtnerin. Diese bat ich doch bitte zunächst 10 bedürftige Familien zu informieren, die mit ihren Kindern kommen sollten. Die erste Stunde der Verteilaktion verlief auch sehr harmonisch. Dann jedoch haben viele andere Menschen davon Wind bekommen und nach einer weiteren Stunde konnten wir uns dem Andrang nicht mehr erwehren. Es wurde geschubst und gedrängelt und es machte mich sehr traurig Auslöser dafür zu sein, dass bei diesen Menschen die Gier und der Neid durchbrach. Nach 3 Stunden Rangelei beendeten wir unsere Aktion. Immer noch im Besitz etlicher Kilos Schuhe. Um wenigstens in Ruhe etwas essen zu können, musste unser Fahrer, Parmar, sein Auto ziemlich weit wegfahren, erst dann verschwanden so nach und nach die Leute. Selbst Sönam ein Mönch, der uns begleitet hatte konnte die Meute nicht beruhigen. Wir einigten uns mit Yangchen und ihrem Mann Tsering darauf, die verbliebenen Schuhe im Kindergarten abzuliefern, damit diese so nach und nach die Verteilung vollziehen konnten. Pech gehabt, der Kindergarten war für den Rest dieses Tages einem Belagerungszustand ausgesetzt. Noch am Tag nach dem der letzte Schuh verteilt war, kamen immer noch Menschen.

 

 

Fazit: Dinge hier zu sammeln macht nur unter 2 Voraussetzungen Sinn.

  1. Es muss parallel zu den Dingen Geld gesammelt werde, denn die am Rande entstehenden Kosten sind nicht zu unterschätzen. Mein Mann und ich haben für diese Schuhaktion mehrere hundert Euro investiert. Auch kann nicht damit gerechnet werden, ein permanentes Charity Cargo über Lufthansa zu bekommen. So ist es sicherlich sinnvoll die ganz normale Fracht via Spedition ins Auge zu fassen. Kostenpunkt pro kg +/- 4,-€. Ausserdem muss vor Ort jeweils eine absolut vertrauenswürdige Person gefunden werden, die sich weder selbst bereichern möchte noch etwaige unvorhersehrbare Komplikationen scheut. Ich denke bei Yangchen und ihrem Mann Tsering handelt es sich um solche Personen. (Aber auch das ist ein anderes Kapitel. weitere Info dazu in Kürze)
  1. Reine materielle Hilfe in Form von Geld und/oder Gütern ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Es müssen Projekte der Hilfe zur Selbsthilfe initiiert und begleitet werden, die es den Menschen erlaubt, nicht an einem „Tropf“ zu hängen. (Auch das ist ein neues Kapitel, Info hierzu in Kürze)

Alles in Allem war diese Schuhaktion eine grandiose Erfahrung, es wurde mir dadurch und dabei so Einiges klar. Mein Wunsch und mein Wille, nachhaltige Projekte ins Leben zu rufen und zu begleiten erfuhr eine intensive Bestätigung.

 

Abschliessend möchte ich mich noch einmal von Herzen für alles bedanken.

Ihre

Ursel Müller-Ebeling

P.S. Die Schuhspendewilligkeit der Menschen reisst nicht ab. Unser Wohnzimmer ist mitlerweile wieder von ca. 150 kg weiteren Schuhen belagert. Gerade am zurückliedenden Wochenende kamen wieder Tütenweise neue Schuhe dazu und uns wurden jede Menge nagelneue Schuhe aus einer Ladenauflösung angeboten ..........!

Kontakt: Ursel Müller-Ebeling
Unterdorf 6
CH-9043 Trogen
 
ume@easy-gmbh.ch

Bericht in der Badischen Zeitung vom 29.12.2004

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